CORINNE BUCHSER


«Lothar hat den Wald stabiler gemacht»

Vor zehn Jahren zog Lohthar mit ungeheurer Wucht über West- und Mitteleuropa. Auch in der Schweiz hinterliess der Orkan eine Spur der Verwüstung. Er war aber auch eine Chance für den Wald, sagt der Förster Jakob Zaugg.

«Die Bäume flogen mitsamt Wurzel wie Pfeile 80 Meter durch die Luft und fielen dann zu Boden; so etwas habe ich noch nie gesehen», erinnert sich Jakob Zaugg. Der langjährige Förster, der seit 2001 als selbstständig Erwerbender in der Spezialholzerei tätig ist, war nach dem Orkan auch als Feuerwehrmann an den Aufräumarbeiten beteiligt. 

Ein Bild hat sich dem 53-jährigen Vater dreier Kinder besonders eingeprägt: Ein Dachziegel, der in einem Zimmer auf dem Kissen einer leeren Kinderwiege lag, über welcher der Himmel klaffte. «Es ist ein Wunder, dass nicht mehr Leute gestorben sind.» In der Schweiz kamen beim Sturm 14 Menschen ums Leben, weitere 15 starben bei den Aufräumarbeiten.

Der Jahrhundert-Sturm Lothar brach am 26. Dezember 1999 schier aus heiterem Himmel über das Land und erreichte im Mittelland Windspitzen von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Er wirbelte Dächer und Fassaden durch die Luft, als wären es Papierfetzen und entwurzelte und knickte ganze 10 Millionen Bäume. Lothar verursachte Gebäudesachschäden von rund 600 Mio. Franken, die Waldschäden beliefen sich auf 750 Mio. Franken.

Chance für Lichtbaumarten

Wie geht es dem Wald zehn Jahre nach der Katastrophe? Die von Lothar in die Wälder geschnittenen Schneisen sind heute alles andere als kahl, wie Zaugg anhand einer Waldfläche im bernischen Spiez zeigt.

Geht man an einer Reihe über 100-jähriger Föhren und Buchen vorbei, die wie sturmerprobte Wächter am Waldrand stehen, dringt man ein in ein Dickicht aus jungen Weiden, Fichten, Birken, Eichen, Föhren und mit Buchen, an denen braun und zusammengerollt das letzte Laub hängt.

Darin verstreut Wurzelstöcke von toten Lothar-Bäumen, auf denen das Grün des Mooses leuchtet, dazwischen ranken Brombeersträucher, Haseln und Waldreben.

«Durch Lothar haben Bäume, die viel Licht brauchen, wieder eine Chance erhalten. Der Sturm gab dem Wald damit die Möglichkeit, wieder stabiler zu werden», sagt Zaugg. Das dichte Unterholz diene zudem den Waldtieren als Versteck und sei für Rehe und Hirsche ein wahres Fressen.

Zäsur für Forstwirtschaft

Lothar ist eine Art Zäsur in der Forstwirtschaftspolitik. Obwohl das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bereits vor dem Sturm für mehr Mischwald plädiert hatte, zogen die meisten Waldbesitzer fast ausschliesslich Fichten hoch. Grund dafür war das Geld: Die Fichte wächst schnell und weist einen hohen Anteil an qualitativ hochwertigem Holz auf.

Mit Lothar hat sich die Mischwald-Förderungspolitik des Bundes innert Stunden automatisch durchgesetzt. "Lothar hat auch eine offene Denkweise und die Bereitschaft der Forstbetriebe zur Zusammenarbeit gefördert», so Zaugg. In Folge des massiven Einbruchs der Holzpreise nach dem Sturm und der arbeitsintensiven Holzerntearbeiten schlossen sich diese zu Betriebsgemeinschaften zusammen. Mit Lothar kam auch die Technisierung der Forstwirtschaft auf.

Heute gibt es zwar weniger kommunale, kantonale und genossenschaftliche Forstbetriebe, dafür eine Vielzahl von privaten Forstunternehmen, die maschinell Holz schlagen. Und da ein Unternehmen ja bekanntlich rentieren muss, drängt sich die Frage auf, ob diese die Vorschriften noch buchstabengetreu einhalten können, wenn sie heute in der Holzbranche gewinnbringend arbeiten wollen.

«Das ist eine Grauzone», sagt Zaugg dazu diplomatisch. In der Branche kenne man die schwarzen Schafe unter den Forstunternehmen. «Es kommt daher in erster Linie auf den Waldbesitzer und den Förster an.»

Waldbewirtschaftung rentiert nicht mehr

Während bis zum ersten Eidgenössischen Waldgesetz von 1876 die Schweizer Wälder regelrecht geplündert wurden, da Holz eine lebenswichtige Einnahmequelle darstellte, sei die Waldbewirtschaftung seit den 1960er-/1970er-Jahren nicht mehr kostendeckend.

Ein Grund dafür, dass der Schweizer Hektarvorrat mit 345m3 zu den höchsten Europas zählt. «Dieser Vorrat sollte unbedingt reduziert werden, der Wald ist überaltert.»

Es liege zu viel und zu altes Holz im Wald. In einem Wald, der durch die wegen der Klimawerwärmung milden Winter in den letzten 10 Jahren sichtbar schneller wachse, so Zaugg. Eine Entwicklung, die schlecht sei für die Stabilität der Bäume.

Entscheid sorgte für Diskussionen

Die finanzielle Unterstützung für die Waldbewirtschaftung durch den Bund hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. So seien etwa in den 1980er-Jahren, als Waldsterben und Borkenkäfer grosse Themen waren, die Subventionen von Bund und Kantonen in grossem Mass und wenig zielorientiert in den Wald geflosssen, sagt Zaugg. So auch nach dem Sturm Vivian 1990.

Seither habe der Bund die naturschützerischen Anliegen in den Vordergrund gestellt. Nach Lothar setzte der Bund drei Prioritäten: beschädigte Schutzwälder, Wälder mit wertvollem Baumbestand, gut erschlossene Wälder.

«Diese Entscheidung löste einen politischen Kampf und grosse Diskussionen im Forstdienst aus», sagt Zaugg. Es sei dabei namentlich um die Wertung der Arbeit der Förster gegangen. Er selbst hat 15 Jahre einen Wald gepflegt, der von einem Tag auf den anderen zum «Vermodern» frei gegeben worden sei. «Da spielten viele Emotionen mit.»

Wald im Mittelland unter Druck

Im Wald prallen verschiedene Interessen aufeinander: Naturschutz, Holzwirtschaft, Freizeit. Während sich der Wald im Alpengebiet immer mehr Raum erobert, gerät er im Mittelland zunehmend unter Druck. «Der Druck wächst dort auch im Sog des Baulandbedarfs", warnt Zaugg. Heute würde vermehrt für Bauten Wald gerodet. «Das wäre vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen.»

«Es ist wichtig, dass die Struktur des Waldes als Kulturlandschaft, Erholungsraum und Schutz erhalten bleibt – sowohl im Mittelland, als auch in abgelegenen Gebieten», so Zaugg. Die Mischbestände seien unerlässlich für die Zukunft, weil sich die Stürme in Zukunft aufgrund der Klimaerwärmung mehren würden.

Engagiert erzählt Zaugg diesbezüglich von der Herausforderung des Försters, das «Licht zu regulieren», je nach Sonnenlage eines Hangs zu analysieren, wo und wann welche «Konkurrenten» gefällt werden müssen, damit an einem anderen Ort ein «Filet», ein starker Baum mit hoher Holzqualität, wachsen kann.

«Nirgends sonst zeigt sich die Dynamik der Natur im Rhythmus der Jahreszeiten so gut wie im Wald», sagt Zaugg. «Die Farben, Blumen und das Vogelgezwitscher im Frühling, die Ruhe und Bedächtigkeit im Sommer, das Rascheln der Blätter unter den Füssen im Herbst und im Winter die Ernte des Holzes, das man durchs Jahr hindurch gepflegt hat.» 

Publiziert: swissinfo.ch, 22.12.2009